Grußwort des Trägers des Welternährungspreises Dr. Hans R. Herren
Weder die »Grüne Revolution« noch die Gentechnik können einen nachhaltigen Beitrag zur Bekämpfung von Hunger und Armut leisten. Auch wenn die »Grüne Revolution« gebietsweise zu enormen Produktionssteigerungen geführt hat, so konnte sie Probleme in Asien und Afrika doch nicht wirkungsvoll bekämpfen. Gentechnik, jetzt vorgeschlagen als Grundlage zur zweiten »Grünen Revolution«, ist durch ihre Patentierbarkeit von großem Interesse für die Global Player in der Lebensmittelwirtschaft, und es ist die Industrie, die Milliarden in die Forschung und in Propaganda steckt, um die Fassade aufrechtzuerhalten, sie täte dies im Interesse der Menschheit. Wir brauchen Forschung in der Landwirtschaft, aber es ist die Zeit gekommen, endlich in eine nachhaltige, ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft zu investieren, denn in diesem Bereich gibt es einen großen Nachholbedarf. Echte biologische Forschung gibt sich mit den einfachen Antworten von Konzernstrategen nicht zufrieden. Sie muss darauf gerichtet sein, die Ursachen für Probleme zu finden und zu bearbeiten, und nicht nur an den Wirkungen zu kurieren. Dies ist eine echte Herausforderung für Wissenschaft und Praxis. Doch wir brauchen auch einen völlig neuen Diskurs über Wege aus der Krise der landwirtschaftlichen Produktion überhaupt und die daraus resultierenden Fragen, auf die eine unabhängige, nicht konzernfinanzierte Forschung Antworten finden soll. Wir müssen heraus aus der Abhängigkeit unserer Lebensmittelproduktion von der fossilen Energie und wieder hin zu einer solaren, nach ökologischen Kriterien arbeitenden Landwirtschaft. Im Moment stecken wir, global gesehen, mehr Energie in die Produktion von Lebensmitteln, als wir an Kilojoule durch sie erzeugen. Dieser Weg hat uns bereits jetzt in eine Sackgasse geführt. Hunger ist aber auch ein soziales Problem. Millionen von Kleinbauern werden unrechtmäßig von ihren Feldern vertrieben, um einem brutalen, ökologisch völlig widersinnigen Monokulturanbau von Soja und Palmöl zu weichen. Die Menschen in Europa, Nordamerika und jetzt auch China fressen mit ihrem ungezügelten Fleischkonsum den Urwald Amazoniens auf – in Form von Hühner- und Schweinefleisch, das sie mit südamerikanischem Soja mästen. Die explodierende Nachfrage nach Agrosprit beschleunigt diese Entwicklung und verschärft die Konkurrenz der Flächennutzung. Die in ihrem Ursprungsgedanken sinnvolle Technik der Biogaserzeugung (eigentlich nur für Abfälle gedacht!) wird dadurch pervertiert, dass nun ganze Landstriche durch riesige Mais-Monokulturen veröden, die nur angebaut werden, um im Schlund der Biogasanlagen zu verschwinden, und die Böden dadurch dauerhaft ausgelaugt werden. Landwirtschaft ist eben keine Industrie, Landwirtschaft ist eine Kultur. Nur aus der Perspektive einer traditionellen bäuerlichen Ökonomie, die auf eine langfristige Fruchtbarkeit und biologische Vielfalt setzt, finden wir Antworten auf die Frage, wie wir unsere Ernährung und die unserer Kindern sichern können. Dabei spielen regionale Vielfalt, die Fülle der Erfahrung der Bauern und eine sorgfältige Pflege des Bodens eine zentrale Rolle. Gentechnik bietet all dies nicht. Gentechnik setzt auf Vereinheitlichung. Gentechnik entsteht im Labor und ohne den erfahrenen Blick der Bauern. Durch Gentechnik wird der Boden mit mehr und mehr toxischen Spritz- und Düngemitteln geschunden. Gentechnik ist ein Instrument, Saatgut zu kontrollieren. Damit ist Gentechnik nicht die Lösung der Frage von Hunger und Armut, sondern weiterhin Teil des Problems.
Dr. Hans R. Herren
Träger des Welternährungspreises und
Co-Chairman des Weltagrarrates

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