Die Risikoabschätzung gentechnisch veränderter Pflanzen ist unzureichend

Die Zeit – 07.03.2012
http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2012-02/gruene-gentechnik-debatte-gastbeitrag/

Grüne Gentechnik

Die Risikoabschätzung gentechnisch veränderter Pflanzen ist unzureichend

In der Grünen Gentechnik beginnen Fragen zur Sicherheit, wo
Entwickler-Interessen aufhören. Es reicht nicht, gentechnisch veränderte
Pflanzen wie Chemikalien zu testen.

Von Angelika Hilbeck | Hartmut Meyer

Der Diskurs um die Agrar-Gentechnik betrifft auch die Frage, wie wir bei der
Gestaltung technischen Fortschritts aus den Fehlern vergangener
Technologieeinführungen lernen wollen. Alle Säulen, auf denen
gesellschaftliches Gedeihen beruht – Ökonomie/Finanzwirtschaft, Umwelt,
Gesundheit/Ernährung, Politik, Frieden – sind heute in der Krise, deshalb
mehren sich die Rufe nach einem Ende des “Weiter so”. “Business as usual is
no longer an option”, stellt zum Beispiel der Weltagrarbericht von 2008 [1]
fest, oder im Hauptgutachten 2011 des Wissenschaftlichen Beirates der
Bundesregierung Globale Umweltveränderungen [2] (WBGU) wird nicht weniger
als eine “Große Transformation” unserer Gesellschaft gefordert.


Wenn bei einem solchen Paradigmenwechsel Rollen, Kapital und Macht neu
verteilt werden, dann muss in einer Demokratie um die besten Konzepte
gestritten werden. Auf dem Gebiet der Nahrungsmittelherstellung ist es
schlicht historischer Zufall, dass der exemplarische Diskurs die Einführung
der Gentechnik traf – die außer ihren Entwicklern und der Industrie in
Europa niemand wirklich will.

Das Potenzial der Gentechnik zur Transformation der Produktions-, aber auch
der Abhängigkeitsverhältnisse in der Landwirtschaft ist unbestritten.
Uneinigkeit herrscht aber bei der Bewertung, wie tief und wie irreversibel
sie in die Evolution eingreift und wie hoch ihre gesundheitlichen und
ökologischen Risiken sind. Ja, selbst die Frage ist kontrovers, mit welchen
Methoden diese Risiken abzuschätzen sind. Die Frontlinien dieser Debatte
wollen wir als Beispiel für das alte und das neue Paradigma beschreiben.

Wie schätzt man ein Risiko ab?

Derzeit wird eine gentechnisch veränderte Nutzpflanze in zwei Einheiten
unterteilt: die bekannte Maispflanze und das neue transgene Element; beim in
der EU zum Anbau zugelassenen Bt-Mais Mon 810 der Firma Monsanto zum
Beispiel ist es das Insektengift auf Basis des Bacillus thuringensis (Bt),
das in allen Pflanzenteilen während der gesamten Lebensdauer produziert
wird.

Die ursprüngliche Maispflanze wird aufgrund jahrhundertelanger Erfahrung als
grundsätzlich sicher eingestuft, sie muss keine konkreten Risikotests mehr
durchlaufen. Etwas genauer untersucht man die hinzugefügte neuartige
Substanz, und zwar eng angelehnt an die Prüfung synthetischer Insektizide.
In direkten Fütterungsstudien wird vor allem die akute Toxizität mit den
mikrobiell hergestellten Bt Toxinen an standardisierten Labororganismen wie
Springschwänzen, Marienkäfern oder Honigbienen getestet. Wenn trotz hoher
Dosen kein signifikanter Unterschied zwischen Bt-Toxin Futter und der
Kontrolle beobachtet wird, gilt die Substanz als ausreichend sicher. Bei
solchen rein toxikologischen Tests bleibt es dann. Das gesamte transgene
Pflanzenmaterial aber, das tatsächlich auf den Feldern wachsen oder in die
Nahrung gelangen soll, wird kaum auf seine ökologischen und gesundheitlichen
Risiken geprüft.

Zur Bestätigung der Unbedenklichkeit, aber hauptsächlich um zu überprüfen,
ob die Pflanze als Futtermittel ähnlich gute Ergebnisse wie herkömmliche
Produkte erbringt, lassen die Antragsteller in der Regel eine vergleichende
Fütterungsstudie mit Hühnern, Ratten oder Mäusen durchführen. Eine echte
wissenschaftlich robuste Überprüfung der gesundheitlichen Unbedenklichkeit
stellen aber auch diese Studien nicht dar. Gentechnisch veränderte Pflanzen,
die keine neuartigen Substanzen produzieren (etwa die herbizidresistenten
oder stärkeveränderten Pflanzen) kommen mit noch weniger bis gar keinen
experimentellen, gesundheits- und umweltrelevanten Prüfungen auf den Markt.

Im Großen und Ganzen wird die Sicherheit von gentechnisch veränderten
Pflanzen auf eine Beurteilung dessen zurückgeführt, was aus der Literatur
bekannt ist und theoretisch abgeleitet wird. So wird zum Beispiel mittels
eines Datenbankabgleiches abgeklärt, ob die hinzugefügten neuartigen
Substanzen bekannten Allergenen ähneln. Unbekannte Allergene kann man so
jedoch nicht erfassen. Ebenfalls nicht erfasst werden Veränderungen, die
durch die gentechnische Modifikation ungeplant ausgelöst werden könnten.

Gerne führen die Entwickler die in der Regel deutlich umfassenderen
Ergebnisse zur molekularen Charakterisierung der gentechnisch veränderten
Pflanze als ‘Sicherheitsabklärungen’ ins Feld. Dabei handelt es sich aber im
Wesentlichen um Produktbeschreibungen, um den gewünschten Zieleffekt belegen
zu können. Wiederum in Anlehnung an Pestizidprodukte geht es vor allem um
eine Beschreibung der ‘Inhaltsstoffe’. Diese stellt aber erst die
Ausgangsbasis für eine Risikoanalyse dar. Fragen zur biologischen Sicherheit
beginnen dort, wo das Interesse von Entwicklern endet. Sie fragen nach nicht
beabsichtigten Effekten, Wechselwirkungen im Ökosystem sowie einer
nachhaltigen Steigerung der Umweltverträglichkeit der Produktionssysteme.

Kritik am Zulassungsverfahren

Wie viele Wissenschaftler kritisieren wir diese gängigen Zulassungsverfahren
als unzureichend für eine zuverlässige, wissenschaftliche Risikoabschätzung.
Es reicht nicht, eine gentechnisch veränderte Pflanze wie eine Chemikalie zu
prüfen. Toxikologische Parameter aus kurzfristigen Labortests stellen – ohne
Überprüfung – keine belastbaren Indikatoren für ökologische
Langzeitauswirkungen in komplexen Umwelten dar. So wird man den
Eigenschaften eines lebenden, dynamischen Organismus nicht gerecht, der
Inhaltsstoffe in Abhängigkeit vielfältiger Umwelteinflüsse verändert.
Isoliert vom Pflanzenkontext werden auch Wechselwirkungen mit anderen
bioaktiven Pflanzeninhaltstoffen nicht berücksichtigt.

Im Falle experimenteller Untersuchungen mit herbizidresistenten Pflanzen ist
überdies gravierend, dass sie oft ungespritzt getestet werden. Damit bleibt
die Rückstandsproblematik der Unkrautvernichtungsmittel für Umwelt und
Gesundheit außen vor. Immerhin überschritten diese Rückstände bei der
Markteinführung der herbizidresistenten Sojabohnen von Monsanto sowohl in
den USA als auch in der EU die bis dahin geltenden Höchstwerte. Diese wurden
daraufhin umgehend von den zuständigen Behörden einfach nach oben
korrigiert; anderenfalls hätten die Ernteprodukte nicht verkauft werden
dürfen.

Ein neuer Trend bei den Zulassungen von gentechnisch veränderten Pflanzen
sind sogenannte ‘gestapelte’ Sorten, die bis zu sechs verschiedene
Bt-Insektengifte und die Rückstände von einem oder zwei Totalherbiziden in
sich vereinen. Kombinationswirkungen dieser Toxine gelten als
ausgeschlossen, da in den früheren isolierten Prüfungen der einzelnen Bt
Insektengifte keine als negativ bewerteten Effekte von biologischer Relevanz
konstatiert wurden. So kommen diese ‘gestapelten’ Pflanzen ohne nennenswerte
zusätzliche Sicherheitsstudien auf den Markt.

Entwickler gentechnisch veränderter Pflanzen nehmen als deren spezifischen
Nutzen in Anspruch, sie ermöglichten eine ökonomischere Unkrautkontrolle und
schonende Bodenbearbeitungsverfahren; Effekte, die auch durch andere
Maßnahmen erzielt werden könnten. Dass heute schon Resistenzen gegen
Glyphosat beobachtet werden und damit der Einsatz von alten, zuvor als
schädlich bezeichneten Unkrautvernichtungsmitteln wieder erforderlich
geworden ist, sehen die Entwickler hingegen nicht als spezifischen Schaden
der Gentechnik. Dabei hatten ihre Protagonisten zur geplanten
EU-Markteinführung Mitte der 1990er noch betont, Glyphosatresistenzen seien
praktisch auszuschließen. Auch beim Anbau von Bt-Pflanzen verbuchen ihre
Entwickler die anfängliche Verringerung der Pestizidanwendung als Nutzen auf
ihrem Konto, deuten aber deren Zunahme nach der Resistenzbildung als
allgemeines Problem.

Die Auswahl von Einschätzungen, die für einen selbst am günstigsten
erscheinen, ist charakteristisch für eine althergebrachte reduktionistische
Risikoabschätzung, die mit der klassischen Technologieförderung einhergeht.
Wenn, wie eingangs dargestellt, ein Paradigmenwechsel eingefordert wird,
dann muss dieses System der Sozialisierung der Schäden für das Gemeinwohl
ersetzt werden. Die negativen Effekte, die der Einsatz von Bt-Pflanzen
hervorruft, müssen bereits von den Herstellern mit in ihre
Kostenkalkulationen eingerechnet werden. Erst wenn die tatsächlichen Kosten
abgeschätzt sind, können daran auch alternative Lösungen vernünftig gemessen
werden.

Diese Forderung betrifft aktuell auch die Nanotechnologien [3] oder die
Synthetische Biologie [4], die momentan mit massiver finanzieller
Unterstützung durch Steuergelder vorangetrieben werden. Wie gentechnisch
veränderte Produkte, so müssen auch diese zukünftig in realistischen
Expositionsszenarien und in ihrer Gesamtheit getestet werden statt
realitätsfremd als isolierte Komponenten.

Angelika Hilbeck ist Agrarökologin und forscht an der ETH Zürich. Zudem ist
sie Vorstandsmitglied der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler [5] (VDW)
und Vorsitzende des European Network of Scientists for Social and
Environmental Responsibility [6].

Hartmut Meyer ist Biologe und Koordinator des European Network of Scientists
for Social and Environmental Responsibility und Mitglied der Vereinigung
Deutscher Wissenschaftler (VDW)

[1] http://www.agassessment.org/
[2] http://www.wbgu.de/hauptgutachten/hg-2011-transformation/
[3] http://www.zeit.de/politik/2009-10/risiken-nanotechnologie
[4] http://www.zeit.de/online/2009/31/synthetische-biologie
[5] http://www.vdw-ev.de/
[6] http://www.ensser.org/about/board-and-staff/

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März 14 2012 05:22 pm | Risikoabschätzung unzureichend

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