Wie die Industrie die Forschung kontrolliert

Von Franziska Meister

In Deutschland wird hinter verschlossenen Türen darüber diskutiert, die gentechnisch veränderte Maislinie MON810 wieder zuzulassen. Wissenschaftliche Argumente sollen dabei den Ausschlag geben. Blöd nur, dass sich diese diametral gegenüberstehen.

Die Debatte für und wider Gentechnik in der Landwirtschaft ist längst zum Stellungskrieg verkommen: hüben Agrotech-Grosskonzerne, drüben FeldbefreierInnen. Modernes Hochleistungsgeschütz gegen nächtliche Guerilla­aktionen mit Drahtschere und Spaten. Die entscheidenden Grabenkämpfe allerdings werden auf einer ganz anderen Ebene geführt und finden oft hinter verschlossenen Türen statt. Wie vergangene Woche in Berlin: Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hatte zwei Schweizer Forschende ins Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BLV) zu einem «Fachgespräch» über die «Wirkung von Cry-Proteinen auf Adalia bipunctata» geladen. Dabei geht es um weit mehr als ein paar tote Marienkäfer.

«Das ist das erste Mal, dass Jörg Romeis und ich am selben Tisch sitzen werden», sagte die ETH-Biologin Angelika Hilbeck im Vorfeld. Die beiden mögen sich nicht besonders. Dabei arbeiten sie nur wenige Kilometer voneinander entfernt an eidgenössischen Forschungsinstituten, und auch ihr Forschungsgebiet ist dasselbe: Beide beurteilen die Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen. Doch sie tun das auf unterschiedliche Weise und gelangen mitunter zu entgegengesetzten Resultaten. Wie im Fall der gentechnisch veränderten Maislinie MON810 des US-Agrarkonzerns Monsanto. MON810 trägt Bt-Toxine in sich, die spezifisch gegen Schädlinge wie den Maiszünsler und den Maiswurzelbohrer wirken. Der Gentechmais ist seit 1998 in der EU zum Anbau zugelassen.

«Seifenoper»? «Pfuscherei»?

Im April 2009 hat Landwirtschaftsministerin Aigner den weiteren Anbau von MON810 in Deutschland verboten. Einer der ausschlaggebenden Gründe dafür war eine Studie von Angelika Hilbeck. Sie hatte herausgefunden, dass ein Bt-Toxin von MON810 auch für Marienkäfer tödlich ist. Aigners Verbot löste einen Sturm der Entrüstung aus – vonseiten der Wissenschaft: GentechforscherInnen, Wissenschaftsorganisationen und Expertengremien wie die Zentrale Kommission für Biologische Sicherheit (ZKBS) empörten sich in gemeinsamen Erklärungen und konzertierten Aktionen öffentlich und lautstark.

Vom «jüngsten Kapitel einer nicht enden wollenden Seifenoper» war im Juli 2009 in der Fachzeitschrift «Nature Biotech» die Rede: Das Verbot sei politisch motiviert gewesen, GentechwissenschaftlerInnen seien Opfer politischer Manipulationen, lassen sich Schweizer Forscher wie Jörg Romeis oder Klaus Ammann zitieren. Bereits im Vorfeld des Verbots warf Stefan Rauschen, Biologe an der Hochschule RWTH Aachen, Ilse Aigner in einem offenen Brief vor, die Ergebnisse der Biosicherheitsforschung zu ignorieren und stattdessen «die Ignoranz der Mitbürger (zu) bedienen und für den eigenen politischen Machterhalt und für die politische Profilierung auszunutzen».

Doch interessant: Die selbst ernannten Opfer politischer Ränkespiele entpuppen sich bei näherer Betrachtung als tatkräftige Strippenzieher im Machtkampf um die Durchsetzung der Gentechlandwirtschaft. Zum Beispiel Detlef Bartsch: Er leitet die Abteilung Gentechnik des BLV in Berlin, ist Professor an der Hochschule RWTH Aachen und war bis 2009 Mitglied der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die immer wieder wegen ihrer Nähe zur Agrotechindustrie unter Beschuss gerät. Für die Gentechindustrie ist Detlef Bartsch auch schon mal in einem Werbefilm aufgetreten. Aktiv ist er ausserdem in der Gentech-Lobbyorganisation European Federation of Biotechnology (EFB). Mit Jörg Romeis hat er geforscht und publiziert, Stefan Rauschen kennt er von der RWTH Aachen, die übrigens als eines der Zentren der GentechnikbefürworterInnen gilt. Dort leitet Rauschen die freisetzungsbegleitende Sicherheitsforschung von Mais.

Auch sie verfolgen also eine klar politische Agenda. Und um diese durchzusetzen, kämpfen sie mit harten Bandagen. Wer eine Studie publiziert, die die Sicherheit von Gentechpflanzen hinterfragt, wird schonungslos als schlechteR WissenschaftlerIn diffamiert. Es gebe keine einzige solche Studie, die nicht voller Fehler sei, behauptete Stefan Rauschen in «Nature Biotech». Zwei Monate nach dem Verbot von MON810 griff er Angelika Hilbeck in einem online veröffentlichten Brief an den Herausgeber der Fachzeitschrift «Transgenic Research» direkt an: Stefan Rauschen warf ihr «Pseudowissenschaft» vor, sprach von «un­ausgegorener Forschung», von «Behauptungen», die einem riesigen Berg an faktischer Evidenz gegenüberstünden – ja von «Pfuscherei».

Bizarre Nebenschauplätze

Ein Jahr später, im August 2010, veröffentlichte eine Forschungsgruppe um Jörg Romeis dann im selben Journal und ebenfalls online eine Gegenstudie, die sie explizit als massgebend für künftige politische Entscheide bezeichneten: Sie erbringe den Beweis dafür, dass die toxischen Effekte, die Hilbeck festgestellt habe, in Tat und Wahrheit das Resultat eines mangelhaften Studiendesigns seien und ergo nichtig. Demgegenüber würden die eigenen Resultate belegen, was «gute Wissenschaft» leiste. Das hätten politische Entscheidungsträger endlich zu erkennen und entsprechend zu berücksichtigen.

Nun macht «gute Wissenschaft» unter anderem aus, dass, wer eine Studie überprüfen und allenfalls widerlegen will, deren Versuchsanordnung exakt wiederholen muss. Doch genau das hat Romeis in seiner Laborstudie nicht getan. «Wir wollten die Effekte unter realistischeren Bedingungen testen» – um zu zeigen, dass in der freien Natur keine negativen Auswirkungen zu erwarten sind.

«Da werden bizarre Nebenschauplätze aufgetan, um Verwirrung zu stiften», sagt Hilbeck. «Wir haben unsere Studie absichtlich als Ökotox-Laborstudie angelegt, weil in Zulassungsverfahren normalerweise nur solche Studien durchgeführt werden und gar keine Feldversuche.» Umso alarmierender sei, dass sie bereits auf dieser Stufe ein Problem habe nachweisen können. Denn um herauszufinden, wie sicher eine Technologie sei, müsse sie einem Stresstest unterzogen werden, also unter grossen Belastungsbedingungen und mit ergebnis­offenem Versuchsaufbau stattfinden. «Aber so funktioniert die Biosicherheitsforschung nicht. Die ist längst ein eingebetteter Teil der technologischen Entwicklung geworden. Sobald ein Forscher auf Materialien aus der Industrie angewiesen ist, muss er einen Geheimhaltungsvertrag unterschreiben, mit dem er der Industrie die Kontrolle über die Daten gibt.» Letztlich gehe es nur noch darum, nachzuweisen, dass das Produkt sicher sei.

Schönfärberei

Und wird jetzt MON810 in Deutschland erneut zugelassen? «Aufgrund des Gesprächs vergangene Woche kann ich mir das nicht vorstellen», sagt Hilbeck. Es sei ein wissenschaftlich fairer Schlagabtausch gewesen, ihre Argumente hätten im rund dreissigköpfigen Gremium am BLV Gehör gefunden.

Und dennoch: Manche Gentechforscher­In­nen wünschen sich nichts sehnlicher, als dass Studien wie diejenige von Hilbeck endlich verschwinden. «Das wird nicht geschehen», sagt sie. Die Forderungen nach Transparenz würden immer lauter. Mut macht ihr auch ein Forschungskollege aus Frankreich: Gilles-Eric Séralini hatte Monsanto 2009 der statistischen Schönfärberei überführt. Der Agrokonzern hatte so die gesundheitlichen Probleme von Ratten, die mit MON810 gefüttert worden waren, heruntergespielt. Als das publik wurde, fand sich Séralini im Zentrum einer gesteuerten Verleumdungskampagne wieder, an der nebst Monsanto die EFSA und diverse französische Forschungskollegen beteiligt waren. Séralini reagierte mit einer Ehrverletzungsklage  – und hat im Januar 2011 vor Gericht recht bekommen.

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Februar 19 2011 02:50 pm | Monsanto Genmais MON 810

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