Vorwort des Herausgebers
Sind gentechnisch verĂ€nderte Pflanzen wirklich gesundheitlich unbedenklich, wie es in schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit mal von den Vertretern der Gentechnikkonzerne, mal von Regierungsvertretern und immer wieder auch von der europĂ€ischen Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit (EFSA) verkĂŒndet wird? Warum verschwinden Studien, die zu einem gegenteiligen Ergebnis kommen? Österreich und Italien haben sich fĂŒr gentechnikfrei erklĂ€rt. Warum werden Studien aus den beiden LĂ€ndern, die aufzeigen, dass gentechnisch verĂ€nderte Organismen schĂ€dliche und gefĂ€hrliche Auswirkungen auf das Immunsystem der
Versuchstiere haben oder andere UmweltschĂ€den auslösen, in Deutschland als »unwissenschaftlich« abgetan? Wie beeinflussen Industrie, Politik und die persönlichen KarriereplĂ€ne der Wissenschaftler die Aufstellung von Studien und die daraus zu erwartenden bzw. gezogenen wissenschaftlichen Schlussfolgerungen? Dr. ÁrpĂĄd Pusztai und Dr. Susan BardĂłcz haben erlebt, was geschieht, wenn die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Arbeit milliardenschweren Konzerninteressen zuwiderlaufen. Dr. Pusztai hatte sich im Jahr 1998 bereits aus AltersgrĂŒnden zurĂŒckgezogen, als ihn der Direktor des Rowett Instituts, Prof. Philip James, aus dem Ruhestand holen ließ. Pusztai, einer der erfahrensten Experten und im institutionellen
wissenschaftlichen Betrieb weltweit anerkannt, wurde von ihm mit einer besonderen Aufgabe betraut: Es galt, ein PrĂŒfverfahren zur Zulassung gentechnisch verĂ€nderter Organismen fĂŒr Europa zu entwickeln. Pusztai hatte als hoch angesehener Fachmann auf dem Gebiet der Lektinforschung im Laufe von drei Jahrzehnten ĂŒber 280 Artikel in den wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht. Als er die ehrenvolle Aufgabe ĂŒbernahm, die Forschergruppe aufzubauen
und zu leiten, ging er mit der Ernsthaftigkeit und GrĂŒndlichkeit an die Arbeit, die seinen Ruf innerhalb der Fachwelt begrĂŒndete. Seine Herangehensweise an die gestellte Aufgabe war rein wissenschaftlicher Natur. Die Ergebnisse seiner Arbeit waren fĂŒr ihn selbst ĂŒberraschend und schockierend. Warum sollte er sie der Öffentlichkeit vorenthalten? Als Pusztai 1998 die ersten Ergebnisse prĂ€sentieren konnte, kam es zu jenem denkwĂŒrdigen 180-Sekunden-Interview der BBC, das nicht nur sein Leben verĂ€nderte, sondern auch elementare Zweifel an der SeriositĂ€t der Kritik und der öffentlichen Diskussion ĂŒber die QualitĂ€t gentechnisch verĂ€nderter Organismen schĂŒrte – Zweifel, die seither immer weiter genĂ€hrt werden. »Wenn ich die Wahl hĂ€tte zwischen genverĂ€nderten und traditionell erzeugten Lebensmitteln, dann wĂŒrde ich nach den Ergebnissen unserer Untersuchung ganz sicher die traditionell erzeugten Lebensmittel wĂ€hlen. Ich kann nicht verantworten, dass die Bevölkerung als Versuchskaninchen bei der MarkteinfĂŒhrung gentechnisch manipulierter Lebensmittel missbraucht wird.« Seither ist ein Jahrzehnt vergangen. Die Gentechnikindustrie hat herbe RĂŒckschlĂ€ge hinnehmen mĂŒssen, und die Bevölkerung in Europa steht dieser Risikotechnologie weithin kritisch bis ablehnend gegenĂŒber. Kein Wunder, hat sich doch keines der vollmundigen Versprechen der Industrie erfĂŒllt: Die ErtrĂ€ge sind geringer, der Spritzmitteleinsatz ist höher, ein schadloses Nebeneinander zwischen gentechnisch verĂ€nderten Organismen und traditioneller Landwirtschaft ist nicht möglich. Die Bauern in den unterentwickelten LĂ€ndern werden in Hunger und Elend getrieben, wo die Gentechnik Einzug hĂ€lt. Die BiodiversitĂ€t ist weltweit gefĂ€hrdet. Imker können ihren Honig nicht mehr verkaufen, wenn genverĂ€nderter Pollen im Honig gefunden wird, die Fruchtbarkeit von Rindern und Schweinen geht zurĂŒck – und so weiter und so weiter. Dennoch propagiert die Industrie mit gewieften Marketingkampagnen die Vorteile der Gentechnik, deren durchtriebenstes Argument es ist, mit diesen BemĂŒhungen den Hunger in der Welt bekĂ€mpfen zu wollen. So mancher Politiker ĂŒbernimmt diese Propaganda, weil sie ihm plausibel erscheint. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Dieses Buch soll Anhaltspunkte bieten fĂŒr sachliche Diskussionen ĂŒber die Anforderungen wissenschaftlicher Sicherheitsforschung. Es ist eine wissenschaftlich begrĂŒndete Grundsatzkritik an der Methode gentechnischer Modifikation. Obwohl bereits 2006 verfasst, gelten die darin gemachten Aussagen bis heute unverĂ€ndert. Sicherheitsrisiko Gentechnik bietet Orientierung fĂŒr EntscheidungstrĂ€ger, Bauern und Konsumenten. Gleichzeitig weist es auf MĂ€ngel hin, die zu beheben im dringendsten Interesse von Politik und Bevölkerung liegen. Wir vertreten die Auffassung, dass nur ein sofortiges Anbau-, Einfuhr- und FĂŒtterungsverbot der gesundheitlichen Gefahr, die heute von genmodifizierten Konstrukten ausgeht, gerecht wird.
JĂŒrgen Binder, Vorsitzender Gentechnikfreies Europa e.V.
Stuttgart, im Dezember 2009

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